Die Stöße der Gleise waren jetzt stärker und kamen unregelmäßig; mit ausgestreckten Armen hielt ich mich zwischen den Wänden der winzigen Kabine. Aus dem kotbespritzten Stahlpott dröhnte ein metallisches Win seln und Fauchen herauf, in dem sich ab und zu auch ein Gelächter Luft zu machen schien, das irgendwo im Abgrund, im Schotter des Bahndamms hocken mußte und mir wie ein verächtliches Semeysemey in den Ohren hallte. Lange konnte ich nicht mehr bleiben, ohne bei meiner Rückkehr etwas erklären zu müssen, das sich im Mund der Übersetzerin augenblicklich verdoppeln und in den Kommentaren des Konsuls verzehnfachen würde.
Selbst in diesem Land war es, soviel ich inzwischen wußte, nicht verboten, einen Geigerzähler zu besitzen, im Gegenteil: Die europäischen Reiseführer empfahlen es, vor allem als ein Mittel zur Beruhigung des Reisen den, da, wie man mitteilte, die meßbaren Werte in den allermeisten Gebieten längst wieder unter den zulässi gen Grenzen lägen. Ich hatte nie an den Erwerb solcher Technik gedacht oder auch nur an die Möglichkeit ihres privaten Besitzes geglaubt. Um so kostbarer und eige ner erschienen mir jetzt das graugrüne, schon etwas ab gegriffene Kästchen und die Umstände, unter denen ich es von einem der vermummten Händler, die vor Abfahrt des Zuges den Bahnsteig mit ihren Waren seltsamster Art blockierten, erstanden hatte. Fast alles, was mir dort als »Suhweniehrr!« entgegengestreckt worden war, schien aus den Asservaten-und Effektenkammern eines in vollständiger Auflösung begriffenen Reiches und sei ner Armee zu stammen. Aber auch Berge von Fleisch, Tierhäuten, Rosinen, Brot und Nüssen hatte ich gese hen, die in halb geschlossenen Kinderwagen und oft im Dauerlauf über den schneebedeckten Bahnsteig gescho ben wurden, hart bis unter die stählernen Tritte der Waggons. Am Ende kam niemand umhin, für irgend etwas zu bezahlen; der Zähler war mein Einlaß in den Zug gewesen.
Es hatte mit dem feinen Knattern, seinem Knister-und Schleifgeräusch zu tun, das er verhalten, aber stetig ab sonderte. Wenn ich ihn näher an mein Ohr brachte, war es mal eine Art melodisches Kratzen, dann wieder ein Schnarren und Wispern, das schwach wie eine dün ne Gegenstimme im Fahrtlärm schwebte und jederzeit davon verschlungen zu werden drohte – augenblick lich standen mir Tränen in den Augen. Alle Widrig keiten meiner winterlichen Reise verblaßten vor dem, was die Stimme des Zählers mir offenbar mitteilen woll te. Trotz der hundert Rubel hatte ich nicht wirklich an sein Funktionieren geglaubt, und offensichtlich war, daß er auch nicht so funktionierte, wie er sollte, denn deutlich spürte ich, wie sein Verhalten in mich drang. Gern hätte ich mich ausgestreckt, flach auf dem Boden – ich war gebannt von einem außerordentlich tröstlichen Bild,welches daswisperndeKästchenmir inseiner wun dersamen Melodie entgegenhob: etwas, das ich nicht ganz erfassen konnte, ein Gesicht vielleicht, das noch schemenhaft blieb, eine Maske, unter der beharrlich oder auch nur abwartend geschwiegen wurde.
Ich selbst hatte in den Wochen vor meiner Abreise ne ben den bereits vorbestimmten Stationen Pawlodar und Karaganda jenen dritten Ort, nämlich Semey, Semey am Irtysch, ins Spiel gebracht. Der Konsul hatte länger als üblich nicht geantwortet. Nur von der Frau des Konsuls war eine kleine Liste eingetroffen, ein paar Dinge, die sie für sich und ihre Familie erbat: einen Ad ventskranz, Dominosteine und ein Medikament na mens Uralyt. Schließlich hatte der Konsul meinem Vor schlag,wenn auch zurückhaltend, zugestimmt. In Semey, schrieb er, solle es dann aber unbedingt das Dostojew skihaus sein, ein idealer Ort für unser Thema; Städte im Nichts – der Titel war eine Idee der Übersetzerin ge wesen. Zu den Überraschungen des Konsuls gehörte, daß mei ne Auftritte von einem kasachischen Dombraspieler und seiner dreizehnjährigen Tochter begleitet wurden. Die Sängerin, die aufgrund ihrer puppenhaften Erschei nung von der Übersetzerin bald unsere kleine, glänzen de Mumie getauft wurde, zog die Töne von weit her und dehnte sie dann nach innen. Für diese umgekehrte, tief in den Rachen gedrehte Form des Gesangs stand sie wie angewurzelt, nur ihre Hände gingen durch die Luft, als striche sie vorsichtig über etwas, das sich unmittel bar vor ihr befinden mußte. Vollkommen unangebracht schien es mir, die betäubende Stille nach dem Lied mit meiner eigenen Stimme zu durchbrechen: Brasilia, Nai robi und dann zum Wesentlichen hin, dem Wunder Astana, der »Hauptstadt der Steppe«.
Noch vier-, fünf-, vielleicht zehnmal nahm ich den Zäh ler vom Waschbecken, schaltete ihn ein und wieder aus, ließ ihn liegen oder preßte ihn begierig ans Ohr und versuchte mich zu konzentrieren. Bald mußte ich einse hen, daß das ersehnte Bild durch reine Anstrengung nicht weiter ans Licht zu bringen war. Im Gegenteil. Das knattrige und knirschelnde Gewisper rührte mich schon nicht mehr mit derselben Kraft, schließlich droh te es ganz abzugleiten. Ich verstand, daß ich mich be ruhigen mußte. So behutsam wie möglich erforschte ich die Funktion der beiden kleineren Kippschalter an seiner Vorderseite. Beide brachten das Kästchen zum Schweigen. Der linke löste statt dessen ein stummes Vi brieren aus; der rechte war offenbar ein Umschalter von akustischem auf optisches Verhalten: Am Kopf des Zäh lers, meines kleinen Erzählers, wie ich das schnarren de Kästchen jetzt halb scherzhaft nannte – nur, um mich weiter zu beruhigen, um durch die Namensgebung et was von dem zu bannen, was mir an seiner Technik und ihrer Wirkung nicht ganz geheuer sein konnte –, flackerte sogleich ein rotes Lämpchen auf und begann zu blinken; hastig rieb ich das vom Schweiß meiner Hand verklebte Kästchen blank und verbarg es in der Brusttasche meines Hemdes, unter dem Pullover. Jetzt wollte ich sofort in mein Abteil.
Noch ehe ich das leise Schnappen begriff, schlug mir die Tür in den Rücken. Es war jene kleinwüchsige Frau mit der Schildmütze, die der Konsul bei Tisch als unsere Waggonmama bezeichnet hatte. Schweigend deutete sie auf ihre goldene Uhr, deren Metallband in einen star-ken Unterarm schnitt, dann zeigte sie über ihre Schul ter hinaus in den Korridor. Während ich mich erneut an den Wänden der Kabine abfangen mußte, stand die Waggonmama völlig ungerührt, nur in ihren Knien gab es einfeines,fastunsichtbares Wippen,von dortan aber schienen die Stöße aus dem Untergrund spurlos in ih rem Körper zu verschwinden. Sicher hatte ich einen hilf losen, kränkelnden Eindruck gemacht, denn ohne wei teres faßte mich die Waggonmama am Arm und zog mich aus dem Klosett in die Flucht des Wagens. Ihre Be rührung war mir nicht unangenehm, sie milderte, wie ich augenblicklich zu spüren glaubte, den drängenden Einfluß des Erzählerkästchens, weshalb ich mich wider
standslos abführen ließ. Die Frau war von so geringem Wuchs, daß ich, wäh rend wir gingen, über ihre moscheeartig aufgebeulte Schildmütze hinweg ins Freie sehen konnte. Im Schutz des Bahndamms stach ein dünnes, goldglänzendes Ge strüpp aus dem Schnee; vor der untergehenden Sonne
schwebte ein einzelner Reiter. In der Leere, die ihn um gab, schien er ein wenig zu groß geraten, dabei scharf umrissen wie eine Attrappe, die man auf der Linie zwi schen Himmel und Erde langsam schaukelnd vorwärts
schob; hier wisse man nie, wie weit man schaut, hatte der Konsul gesagt. Im Speisewagen umfing uns ein Dunst verbrauchter Atemluft; es roch nach Quark und Gebratenem. Heim kehr des verlorenen Sohnes am Haken der Waggonma ma – lachend füllte die Übersetzerin unsere Gläser und erklärte, daß die anderen, der Konsul, die kleine, glän zende Mumie und ihr Vater, zunächst noch gewartet, sich dann aber in ihre Abteile verabschiedet hätten; ihr kurzes, wasserstoffblondes Haar leuchtete, nur der Nak ken, den es freiließ, war von einem dunklen Flaum über schattet. Ich trank, ich krümmte mich, etwas Fremdes brannte sich ein – Atmen! Atmen! rief die Übersetzerin, man müsse einfach schneller atmen, hecheln gewissermaßen, wie bei einer Geburt, erst dann stelle sich das richtige Gemisch im Körper her. Wie man am besten nachat mete, demonstrierte sie selbst, indem sie sich erhob, streckte und ihre furchtlosen Augenbrauen weit nach oben zog. Während sie schluckte und pumpte, gingen ihre Schultern auf und ab, was ihren Oberkörper in eine faszinierende Bewegung brachte. Behutsam strich ich über meinen Pullover, so lange, bis ich durch die locker gestrickte Wolle das rote Lämpchen des Erzählers blin ken sehen konnte; einen Moment war mir vorweih nachtlich zumute, aber jetzt mußte ich gehen. Mit einem Ruck richtete ich mich auf, fiel jedoch sogleich wieder zurück auf meine Bank, der Gang war versperrt. Ein Uniformierter verlangte unsere Pässe, ein anderer machte eine Film-aus-der-Kamera-reißen-Geste, doch die Übersetzerin lachte und berührte mich am Arm: Ob ich wüßte, daß es im Lied der kleinen Mumie um die Liebe zur Steppe gegangen sei, die jede andere kasachi sche Sehnsucht überträfe. Ob ich wüßte, daß hier jeder Tod schon zu Lebzeiten ein Lied nach sich zöge, denn jeder Steppenbewohner müsse Sorge tragen für sein ei genes Klagelied. Täte er es nicht, würde nichts gesun gen, alle säßen nur stumm zu Füßen des Toten, aber dann könne der Tote nicht zur Ruhe kommen, dann blie be er auf immer etwas schuldig. Ich war erschöpft; inzwischen lächelte ich zu allem, doch dieses Lächeln kostete Kraft, und es war schwer im Zaum zu halten. Unweigerlich wurde etwas Falsches daraus, und noch ehe seine Falschheit sichtbar werden mußte, ergriff ich – viel zu hastig – die Hand der Über setzerin. An den Haltestangen, die kalten, matt beleuchteten Wände entlang, tasteten wir uns voran. Den Beginn je des neuen Korridors verengte ein Ofen, der zum Behei zen der Abteile diente, daneben der Samowar. Sein Kes sel war eingebunden in ein Geflecht aus Rohren und Ventilen, wo pausenlos ein fettig schillernder Dampf austrat, der den Gang hinunterwaberte. In der Befürch tung irgendeiner Berührung, von etwas Feuchtem, Lebi gem vielleicht, das es auf der Stelle abzuschütteln gäl te, hielt ich die Lippen fest aufeinandergepreßt, dann, einen Ellbogen vor dem Gesicht, tauchte ich ein in den Nebel. Langsam gewöhnte ich mich an das schwankende Dun kel. Jetzt war ich es, der vorausging, um das schwere, halb vereiste Türblatt aufzustoßen und für den Moment zurückzuhalten, in dem die Übersetzerin, leicht geduckt, unter meinem Arm hindurchschlüpfen konnte. Eine Ge ste, die von Tür zu Tür verblaßte und mich unausweich lich zu einer faden Figur werden ließ, besonders dort, wo mir die wenigen Schritte durch die tosenden Über gänge zwischen den Wagen genügen sollten, der Über setzerin wiederum zuvorzukommen. Ich strauchelte, prallte gegen etwas am Boden, zwei oder drei Beine, die plötzlich wie gefällte Baumstämme in den Gang ragten. In manchen Waggons herrschte eine Finsternis, daß ich das dunkelrote Blinken des Er zählerkästchens unter meinem Pullover mühelos erken nen konnte.
Zwei Drittel des Wagens blieb ich zurück, dann setzte ich zum Überholen an. Zeitweise wurde ich wie von selbst in langen Stößen durch den Gang getragen, bald aber mußte ich einsehen, daß es nötig war, in kürzeren Schritten zu gehen, damit der Korridor sich nicht los machte vom Fuß und unter mir hinwegraste. Deutlich fühlte ich den Blick der Übersetzerin im Nacken; ich glaubte mich verglichen, verglichen mit einem anderen, mit einer ganzen Zahl von anderen vielleicht, die alle in weiter Ferne waren, nicht hier, in einem Nachtzug na mens Turksib, einer Karawane vorsintflutlicher Blech karossen, auf einem Gleis namens Seidenschiene, das mitten durch die Steppe schnitt, von Orient zu Okzi dent, wie es der Konsul gern sagte. Etwa zwanzig Waggons oder mehr hatten wir bereits durchquert, als ich erkannte, daß ihre Numerierung kei ner Regel folgte: Der Zug mußte unterwegs gewachsen sein. Korridor um Korridor fügte sich zu einem provi sorischen Schacht, der in eine zähe, ältere Zeitform zu führen schien. Durch die verschraubten Fenster, so an gestrengt ich immer wieder in ihren verkrusteten Spie gel, in das graue, schmutzige Gewirr von Eisblumen ge starrt hatte, die im Laufe der Fahrt wie ein Ekzem über die Flanke des Wagens krochen, war kein einziges Zei chen, nichts von einem Leben draußen herübergeblitzt. Kein Mond, keine Sterne, nur mein müdes, wesenloses Ich schaute immer herein und wankte mit mir durch den Tunnel: Die untersetzte Gestalt, die breiten Schul-tern, zwischen denen der Herzschlag des Erzählers blinkte, vom Vibrieren der Scheibe verzittert zu einem faustgroßen, dunkelrot leuchtenden Schwarm und auf Augenhöhe ein Gesicht, das entfärbt und ohne erkenn baren Ausdruck neben mir schwebte – so überholten wir die Übersetzerin. Schnee stäubte über die Stahlbleche zwischen den Wa gen. Ein Frösteln wuchs auf meiner Haut und legte sich vom Rücken her wie ein kaltes, balsamierendes Tuch um den Hinterkopf, wo ein wunderbarer Helm daraus wurde, der sich angenehm verschob, wenn ich meine Augenbrauen nur um eine Winzigkeit nach oben zog.
Unschlüssig standen wir vor unseren Kabinen; der Wa gen schlingerte durch eine Kurve, ich versuchte meine Arme zu verschränken, um das Blinken des Kästchens besser zu verbergen, einen Schritt wich die Übersetze rin zurück. Zwei halb uniformierte Gestalten waren im Wasser dampf des Samowars aufgetaucht; einen Moment hiel ten sie inne, dann schoben sie sich langsam in den Korri dor. Offenbar warteten sie darauf, daß man sie endlich bemerkte und ihr Näherkommen guthieß. Der hintere, kleinere Mann drängte den größeren vor sich her, der sich aber noch zu sträuben schien und mit einer hal ben Verbeugung sowie einem vorsichtig gerufenen Sa lam alaikum! schon aus der Ferne entschuldigen wollte für die Störung. Ich versuchte, nicht zu lächeln; ich dachte daran, mit einem Sprung in mein Abteil zu flie hen, aber jetzt rückten beide rasch näher. Im ersten Mann erkannte ich den Heizer, im anderen den Kon dukteur unseres Wagens; sporadisch tauchte sein erwar tungsvolles Gesicht links oder rechts vom großen Kör per des Heizers auf, blieb die meiste Zeit aber hinter ihm verborgen. Vorsichtig deutete der Heizer auf mich: Nemetzki?! Noch ehe ich etwas antworten konnte, schlug er die Hacken seiner Stiefel zusammen, die Arme hielt er an gewinkelt, das Kinn etwas erhoben, sein kindliches Ge sicht wurde abweisend und streng. Ich versuchte ein kleines, uns alle entschuldigendes Lachen. Ich bat die Übersetzerin, dem Heizer, der uns um Kopfeslänge über ragte, zu erklären, daß er mich nicht auf diese Weise grüßen sollte, daß ich selbst, wenn er es genau wissen wolle, lediglich den Rang eines Gefreiten der Reserve innehatte, Reserve einer längst untergegangenen Volks armee, ein Dienstrang, der mit Sicherheit unter dem eines Heizers der berühmten Turksib liegen mußte – da bei berührte ich mit zwei Fingern das schmutzigsilber ne Schulterstück, das halb lose von seiner blauen Uni formjacke herunterhing. Noch während ich sprach, hatte der Heizer die Lippen gespitzt; seine fein von Ruß umsäumten Augen fixierten meinen Mund, doch die Übersetzung erreichte ihn nicht mehr. Erst, als rutsche Kohle nach in seinem Tender, dann mit einer mühselig aus der Tiefe schürfenden, die Vokale überdehnenden Stimme und ohne sich auch nur im geringsten aus seiner angespannten Haltung zu lösen, begann er zu sprechen:
Ihrrweiss niehrrt, wahs sohlbe deute,
dass ihrrsoo trau riehrrtbien,
eimährre aussallteseite . . . Etwas hakte und stockte in seiner Brust. Nur seine ge sprungenen Lippen blieben in stummer Bewegung, sein harter, schmaler Mund öffnete und schloß sich unent wegt, bereit, dem, was fehlte, sobald es hervorschießen würde, eine Form zu geben. Doch sosehr er sich auch weiterhin dehnte, seinen mageren Hals sehen ließ, auf die Zehenspitzen ging und das Kinn noch höher über uns hinaus ins Gewölbe, zur blauen Nachtlampe des Wagens streckte, als müsse er nur noch dort hinauf – der deutsche Reim auf »trau riehrrtbien« wollte ihm nicht auf die Zunge. In seinem gestrafften, vom Schein der Lampe wie er funden schimmernden Gesicht zuckte es, die nicht zu schließenden Lippen entblößten den weißglänzenden Streif einer vordrängenden Zahnreihe: »Eimärrhe auss allteseite . . .« – ächzend, andauernd und wie unter zu großer Last wiederholte der Heizer die Zeile. Besorgt berührte mich die Übersetzerin am Arm, doch ich deu tete auf den Heizer, überzeugt, daß es in jedem Fall an gebracht und nicht nur eine Frage des Anstands oder des Feingefühls war, wenn dieser die Gelegenheit be hielt, aus eigener Kraft zu vollenden. In der rasch bis unter die Haut wachsenden Anspannung aber, die von dem Fehlenden, dem mit ganzer Wucht Vermißten ausging, war auch mein eigener Mund in Be wegung geraten; tonlos sprach ich das gesuchte Wort zwischen uns hin, immer wieder, gerade gegen die Brust des handbreit vor mir versteinerten Mannes, als hätte ich dort durch stumme Wiederholung etwas einzuflü stern vermocht. Noch ohne es zu bemerken, hatte ich dabei die gestreckte Haltung des Heizers angenommen, so daß wir uns bald wie zwei zu militärischer Ehren bezeigung verpflichtete Träger eines jeweils minderen Dienstranges gegenüberstanden, die – so konnte ich es wenigstens später sagen – mitten in ihrem Gruß aus der Zeit gefallen waren. Eine schwer durchatmete Dauer blieben wir gefangen in einer Art Fischgesang, der zwischen mir und dem Hei zer, meinem und seinem Ufer hin-und herwogte und nirgendwo Land gewann – noch einmal und drängen der faßte mich die Übersetzerin am Arm, und endlich begriff ich es: Dies war sein Lied. Sein eigenstes, aus wendig aufbewahrtes; jenes, das der Heizer, nachdem es ihm, woher auch immer, einmal zugeflogen war, zu seinem persönlichsten, posthumen, seinem Klagelied erwählt hatte – wie sonst sollte der unerbittliche, beinah verzweifelte und selbst im Stocken nicht nachlassende Ernst seines Auftritts zu verstehen sein? »Das-kommt-mir-nicht-aus-dem-Sinn« – fast hatte ich es geschrieen, den Korridor des dahindonnernden Schlaf wagens hinunter, eine Befreiung, ein Weckruf, vor des sen posaunenhafter Heftigkeit ich selbst erschrak. Au genblicklich fand ich mich in den Armen des Heizers. Kraftvoll zog er mich ein Stück zu sich hinauf, während er, als sei der entscheidende Sieg errungen, ein ums an dere Mal den Vers wiederholte: »Koohmt-nierrh-aus-Sienn«. Dann stieß er mich fort, aber nur, um mich so gleich wieder einzufangen und auch gegen seine andere Wange zu pressen. Der Kondukteur, der sich im Rücken des Heizers gehal ten hatte, klatschte triumphierend in die Hände und lachte,während ich versuchte, meinen Körper dem Dank zu entwinden – behutsam, um die Feierlichkeit des Au genblicks nicht zu verletzen. Ich lächelte, und einen An-fall von Übelkeit niederringend, hielt ich dem Heizer das Lob seiner Aussprache entgegen; ich lobte die Steppe, die Turksib, Seidenstraße und Seidenschiene, das Land und das Rauchloch der Jurte, die, das wüßte ich doch, inmitten des Wappens – also der Ofen im Zentrum, der Heizer . . . Die Übersetzerin, die aufmerksam an mei ner Seite geblieben war, formte Sätze aus meinem Ge stammel, Sätze, die aus einem einzigen Rachenlaut auf a, einem langen rrhaaarrhaaarrhaaa zu bestehen schie nen, und rief sie dem Heizer simultan ins Ohr – doch die Umarmungen fanden kein Ende. Rhythmisch wurde meine Nase links und rechts auf oder unter die losen, silbernen Schulterstücke gedrückt; ich spürte das warme, unrasierte Kinn des Heizers an meinem Hals, dazu Lippen und ihre murmelnde Feuchte auf Ohr und Wange, begleitet von einem dunklen Ver schlußlaut, der überging in ein kurzes, unterdrücktes Schluchzen: »Koohmt-nierrh-aus-Sienn«; ich erzitterte. Ein Herzrasen machte mir die Brust eng. Aber es brauch te nur einen Moment, bis ich begriff, daß die Umklam merung des Heizers den Erzähler umgeschaltet und da mit zum Vibrieren gebracht hatte. Ich schloß die Augen, ich sah ein träges, sich durch den allzu schmalen Kor ridor des Wagens wiegendes Paar . . . Aber jetzt war es zu spät. Eine maßlose Gereiztheit hatte mich erfaßt, ein Haß sogar, wie ich zugeben muß, der unmittelbar in meine Fäuste zu strömen schien. Schon sah ich meine Rechte, sie kam von unten, ich sah sie, es war wie in einer gra phischen Darstellung oder im Traum . . . der Schlag arm schießt gestreckt nach vorn, Handrücken und Un terarm bilden eine Linie . . . sie flog in das bläulich glänzende Gesicht, direkt auf den sprechenden Mund des Heizers, mitten in sein nächstes, unweigerlich her auffahrendes »Koohmt-nierrh-aus-Sienn«, sie zerschlug den Vers, ohne Vorbereitung, ohne Umschweife, sie spal tete ihn, und zwar für immer. Panisch rief ich mir Begriffe wie »Begegnung«, »Religio nen«, »Gastland«, »Befreier«, »Baikonur« und »Amur« ins Gedächtnis, und augenblicklich, als hätte ich irgend wo auf meiner ziellosen Jagd tatsächlich das Zauber wort getroffen, offenbarte sich etwas Vertrautes: Im sau ren, meine Nasenschleimhäute beizenden Geruch der Heizeruniform, aus den Ingredienzien dieses atembe raubenden Dunstes erstand das alte Sowjetkasino. Ich roch das Waffenöl und das Linol unterm Knie, ich roch die Lappenbinde über den Augen, die Bestzeit, den Wett kampf, das Feder!-Stange!-Kolben!-Zylinder! – die be deutsame Schwere jedes einzelnen Teils in der Hand und den Hocker vor der Brust . . . So absurd der Glaube an eine gemeinsame Vergangen heit bis heute erscheint, er besänftigte mich: Konnte es nicht sein, dachte ich, daß dieser Heizer, der viel leicht einmal ein Waffenbruder gewesen war, schon lan ge, längst und unter Umständen so verzweifelt wie ich, nach einem Abschluß unserer Begegnung suchte, ihn aber einfach nicht fand? Und wenn, lag es dann nicht bei mir? War ein Zeichen, eine Geste verlangt, vermut lich gab es ein Gesetz, ein bestimmtes Ritual, seit Un zeiten verankert in der Kultur des Heizers, fremd, aber unabdingbar? Noch einmal, umschlossen bereits von Vergeblichkeit, versuchte ich, mir etwas Luft zu ver schaffen. Wie unvorbereitet aber war ich, als plötzlich der Heizer selbst mich mit einem erschöpften, tief seuf zenden »Koohmt-nierrh-aus-Sienn« aus seinen Fang armen stieß und mir, sicher nur in der Verlegenheit, nun allein ein Ende erfinden zu müssen, einen Kuß mit ten auf den Mund gab. Dann ging alles sehr schnell. Ein dumpfer Knall, und einen Moment schwebte ich, einzig mit dem Heizer als Halt, in der Luft des Korridors . . . Atmen! Atmen! hörte ich es rufen, aber schon wie von fern, dann kehrte Ruhe ein und Dunkelheit.
Noch heute kommt es mir wie ein Wunder vor, daß sich niemand ernsthaft verletzte. Der jähe Stoß, ein ge waltiges Aufbuckeln unter den Füßen, hatte uns gegen die rückwärtige Wand des Korridors geschleudert und zu Boden geworfen. Dabei war der Heizer, auch wenn er es noch so gewollt hatte, nicht imstande gewesen, sei nen Kuß mit der gebotenen Flüchtigkeit zu lösen. Im Ge genteil. Seine Zähne hatten sich fest zwischen meine Lippen gedrückt, und in der beschämenden Hilflosig keit, die der Heizer und ich jetzt teilten, war deutlich zu spüren gewesen, wie ein Schwall seines warmen, koh ligen Atems in mich stieß, an dem ich – orientierungslos und überwältigt – immer noch schluckte, würgte und schluckte. Als die Turksib uns endlich aus ihrer Gewalt entließ, wuchtete ich mir, fast ohne Besinnung, den steifen Kör per des Heizers vom Leib, zu heftig vielleicht, denn er stürzte gegen die Tür eines der Schlafabteile. Einer alt bekannten Halluzination gleich, tauchte daraus der Dombraspieler auf, kaum bekleidet und wie gerahmt stand er im Eingang seines Coupés, vor dem, lang aus gestreckt, der Heizer lag. Da der große Mann aber voll kommen stumm blieb, begann er bald auf ihn einzu brüllen. Ich schluckte, ich versuchte zu atmen, ein paar Tränen rannen mir über die Wangen. Verschwommen, durch die halb geöffnete Tür des Cou pés, sah ich unsere kleine, glänzende Mumie liegen. Das linke Bein hatte sie ein Stück neben der Decke ausge stellt und angewinkelt. Zunächst war dieses Bein gleich mäßig hell, fast weiß, wie ein Ausschnitt von Papier, welcher das wenige Licht, das vom Gang ins Abteil fiel, reflektierte; dann, ganz an seinem untersten Ende, knapp über dem Laken, ging das Weiß wie fein gestrichelt über in einen dunklen Rand. An diesem Rand tauchte das Gesicht der Übersetzerin auf. Sie kniete jetzt an meiner Seite, langsam schob sie einen Arm unter meinen Kopf, wobei sie unentwegt übersetzte: die sogenannten Seidenriffe . . . siebzig Jah re, nie verschweißt . . . verweht, das Eis . . . schon Schlim meres, das heißt . . . bittet um Verzeihung für den Hei zer . . . Staunend, mit weitgeöffneten Augen sank ich zurück, und etwas Kühles strömte über meinen Körper, ein weicher, klarer Wellengang. Weit über mir, in einer seltsamen Höhe, sah ich den Kon dukteur, wie er wütend in den Rücken der Übersetze rin sprach, dabei eine Faust zum Ende des Korridors hin schüttelte,wo sich der Ofen befand, obwohl der Hei zer jetzt unmittelbar neben ihm stand, hilflos, mit glü hender Stirn und noch immer den Angriffen des halb nackten Dombristen ausgesetzt; ich schloß die Augen, ich würgte, doch unweigerlich sickerte das Gefühl eines unbegreiflichen Verlusts in mich ein. Gerade im Win ter, gerade bei diesen Temperaturen, minus dreißig . . . vierzig . . . fünfzig . . . der Kondukteur steigerte sich, die Übersetzerin hatte Mühe, ihm zu folgen, und übersetz te alles sehr behutsam zu mir hinunter. Ich schaute zu ihr hinauf, nur hinauf, ich schluckte, verwundert, jetzt kam sie mir schön und bekannt vor, ein Gesicht, so dachte ich, nach dem ich mich sehnte, vielleicht schon immer gesehnt hatte. Vorsichtig betastete sie meine Stirn, dann meine Brust, und erst unter der besorgten Hand der Übersetzerin spürte ich, daß der Erzähler ver stummt war. Benommen raffte ich mich auf, trat vor, aber noch ehe ich dazu beitragen konnte, das Unrecht endlich einzu dämmen, das dem Heizer geschah, schwang sich der Dombrist mit einer Kung-Fu-artigen Bewegung in sein Abteil zurück. Als ich mich umwandte – jede meiner Handlungen hatte sich sonderbar verlangsamt –, waren auch der Kondukteur und der Heizer beinah ganz ver schwunden; grußlos und eilig strebten sie, eng beieinan der, den vernebelten Korridor hinunter und lösten sich auf im Wasserdampf des Samowars. Die Liegeplätze im Abteil waren schmal, und ich be nahm mich ungeschickt. Es fiel mir schwer, mich zu be ruhigen; ich schmeckte den Heizer, ich sah, wie er die Feuerklappe aufriß und ohne Halt Kohle in seinen Ofen warf; ich schluckte, ich atmete, schnell und tief, aber etwas blieb, etwas, das fortglomm, das sich nicht hinun terschlucken ließ, nie wieder, wie es mir sinnlos durch den Kopf schoß. Dann spürte ich die Hand der Über setzerin auf meiner Schulter, besänftigend schob sie mich von ihrem Bettgestell. Sie selbst kniete jetzt dar auf, wobei sie sich von mir abkehrte und eine Wange ins Polster der Rückwand schmiegte. Langsam trat ich an sie heran, und während sie die feinen, regelmäßigen Schwingungen des Wagens in sich aufnahm, sein leich tes Schaukeln und Schwanken und auch die festeren, unregelmäßigen Stöße der Turksib, für die ich mich an ihren Hüften hielt, geschehen ließ, entdeckte ich im Spalt zwischen den Gardinen, vor dem Fenster des Ab teils, eine Flut von dunkelroten Punkten – aber das war nur ein Schweif von Glut, der den Waggon umhüllte.
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